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Weinregionen in Deutschland: Die Nahe

Verfasst von weinwatcher am August 11, 2007

Obwohl hier schon immer einige der feinsten Rieslinge Deutschlands erzeugt wurden, ist das Anbaugebiet der Nahe hierzulande immer noch derart unbekannt, dass es nicht einmal über ein ordentliches Klischee verfügt. Das mag daran liegen, dass die genauen Grenzen des Gebietes erst 1971 festgelegt wurden, vielleicht auch am weitgehenden Fehlen spektakulärer Steilhänge, romantischer Burgen, oder anderer touristisch ausschlachtbarer Besonderheiten. Den Wein selbst kann man dafür kaum verantwortlich machen.
So unterschiedlich die Rieslinge der Nahe auch sein können, zeichnen sie sich doch durch einige charakteristische Merkmale aus. Das Wichtigste davon ist die intensive, würzige Mineralik die in allen erstklassigen Nahe-Weinen zu finden ist. Sie gibt diesen Fundament und Struktur, wenn auch ohne die stahlige Komponente, die man so oft im benachbarten Rheingau vorfindet. Die verspielte, zum Teil rassige Säure erinnert wiederum an die Mosel, doch die Weine sind entschieden voller im Körper und wirken „ernsthafter“ als die meisten Mosel-Rieslinge.
Der Riesling ist an der Nahe aus qualitativer Sicht unzweifelhaft die wichtigste Rebsorte. Dennoch werden in Lagen mit fetteren Böden vermehrt Burgundersorten angebaut, die zwar – mit Ausnahme der oft exzellenten Weine von Armin Diel – die Fülle und den Schmelz der besten Exemplare aus südlicheren Gebieten kaum erreichen, in Bestform aber dennoch mit ihrer Eleganz und geradlinigen Struktur sehr schöne Essensbegleiter abgeben können. Auch der Silvaner hat in diesem Gebiet Tradition, aber die Ergebnisse sind heute bis auf wenige Ausnahmen recht dürftig.

Die untere Nahe

Die besten Weine der unteren Nahe, die zwischen Münster-Sarmsheim und Bad Kreuznach fast senkrecht in Nord-Südrichtung verläuft, wachsen selten an zur Nahe abfallenden Weinbergen, sondern in der Regel in Seitentälern, wo sie von Lagen in südlicher Ausrichtung profitieren. Zudem sind viele dieser Täler nach drei Seiten abgeschlossen und nur zur Nahe hin geöffnet, was ihnen deutliche mikroklimatische Vorteile bringt. Die beiden ersten Spitzenlagen dieser Art sind der Münsterer Dautenpflänzer und der Münsterer Pittersberg. Beide bringen erstklassige Rieslinge hervor, wobei jene aus dem Dautenpflänzer stets die Volleren und Intensiveren sind. Sie eignen sich hervorragend für den trockenen Ausbau. Die besten Produzenten sind zur Zeit Kruger-Rumpf und das Weingut Göttelmann, das sich in den letzten Jahren in die Spitzengruppe des Gebietes hochgearbeitet hat.
Am Ortsausgang von Münster-Sarmsheim zweigt eine Straße in das Trollbachtal in Richtung Burg Layen. Sie führt uns an drei der bedeutendsten Weinberge des Gebietes vorbei, den Dorsheimer Lagen Burgberg, Goldloch und Pittermännchen. So nahe die drei Lagen beieinander liegen, so unterschiedlich sind die daraus entstehenden Weine. Die rassigsten und elegantesten Tropfen stammen stets aus dem Pittermänchen. Ein hoher Kiesel- und Quarzitanteil im Boden sorgt hier für eine straffe mineralische Struktur bei lebhafter Säure.
Deutlich voller und saftiger fallen die Weine aus dem Goldloch aus. Unter einer steinigen Lehmauflage wurzeln die Reben hier wie im Burgberg in hartem Urgesteinsboden. Der kleine, von nacktem Fels eingerahmte und wie eine Schüssel geformte Burgberg offenbart bereits beim ersten Hinsehen sein außergewöhnliches Potenzial für erstklassige Weine. Das Mikroklima ist hier von allen Dorsheimer Lagen das heißeste und führt zu kraftvollen Weinen von großem aromatischem Reichtum. Armin Diel und sein Kellermeister Christoph Friedrich erzeugen aus allen drei Lagen mitunter Weine von Weltklasse.
Zurück an der Nahe trifft man direkt nach der Autobahnbrücke auf die beiden besten Weinberge Laubenheims. Karthäuser und St. Remigiusberg liegen näher am Fluss als die anderen Spitzenlagen der unteren Nahe. Auf dem steinigen Boden aus Rotliegendem entstehen fest gewirkte Weine mit ausgezeichneter Rasse und Struktur. Auch die Krone, auf der Südseite des Ortes gelegen, bringt auf stark kieshaltigem Boden rassige, intensiv mineralische Weine hervor.
Die besten Lagen Langenlonsheims liegen etwas abseits der Nahe in Seitentälern nordwestlich und westlich des Ortes. Der Löhrer Berg ist dabei eine direkte Fortsetzung der Laubenheimer Krone. Der Boden ist hier jedoch weniger steinig und bedeutend tonhaltiger. Die dadurch bedingte exzellente Wasserspeicherfähigkeit kommt vor allem in trockenen Jahren zum Tragen, wenn hier saftige und geschmeidige Weine mit einer eleganten Säure entstehen. In einem leicht nach Westen geöffneten Tal liegen Königsschild, aus dessen Lösslehmboden stoffige Weine kommen, und Rothenberg, etwas höher gelegen und mit einem Boden aus Rotliegendem, was zu leichteren, sehr rassigen Weinen führt. Langenlonsheim ist der Sitz einiger namhaften Produzenten, doch im Moment scheint es, als wäre nur Martin Tesch zuverlässig jedes Jahr in der Lage, aus den Laubenheimer und Langenlonsheimer Weinbergen Erstklassiges hervorzubringen.
Das Gebiet der unteren Nahe erstreckt sich noch einige Kilometer nach Westen, wo man auch weit abseits des Flusses sehr gute Lagen finden kann. Viele von ihnen sind jedoch kaum bekannt, was vor allem daran liegt, dass sich kaum ein Produzent hier der Qualität verschrieben hat. Die einzige Ausnahme ist Schloss Wallhausen im Besitz des Prinzen zu Salm-Salm. Unter Verwalter Harald Eckes versucht man hier das Potenzial der Wallhäuser und Roxheimer Lagen wieder auszuschöpfen.

Die mittlere Nahe

Bad Kreuznach ist das weinbauliche Zentrum des Gebietes. Leider stecken die einstigen Vorzeigebetriebe der Stadt in einer tiefen Krise und so kommen die besten Weine zur Zeit von unbekannteren Winzern aus häufig zweitrangigen Weinbergen, während die Spitzenlagen Bad Kreuznachs – Kahlenberg, Krötenpfuhl und Brückes – unter schlechter oder nachlässiger Bewirtschaftung leiden.
Wenige Kilometer flussaufwärts, zwischen Bad Münster und Schlossböckelheim, liegt der landschaftlich interessanteste Teil des Anbaugebietes. Die Rebhänge sind hier steiler und die Orte idyllischer, als anderswo an der Nahe. Der am spektakulärsten gelegene Weinberg ist die Traiser Bastei, eine Geröllhalde, die von der 200 Meter hohen Porphyr-Steilwand des Rothenfelses überragt wird. Dieser riesige Wärmespeicher sorgt für ein ausgesprochen heißes Mikroklima. Das Ergebnis sind körperreiche, saftige Weine, denen das verwitterte Gestein eine durchdringende Mineralik verleiht. Auch die Weine des benachbarten Rothenberg sind von diesen mineralischen Aromen geprägt, fallen jedoch stets etwas schlanker und rassiger aus. Hier ist das Gestein erheblich weiter verwittert, was dank einer sehr guten Wasserspeicherfähigkeit in trockenen Jahren von großem Vorteil sein kann. Peter Crusius ist der mit Abstand beste Erzeuger mit Besitz in diesen beiden Lagen.
In direkter Nachbarschaft zu Traisen liegt die Gemeinde Norheim mit ihren Spitzenlagen Kirschheck und Dellchen. Unter einer Auflage aus Rotliegendem wurzeln die Reben im Kirschheck in blauem Devonschiefer, wie man ihn auch an der Mosel findet. Die hier entstehenden Weine weisen aufgrund der sehr porösen Bodenstruktur eine ganze Palette durchdringender mineralischer Geschmacksnuancen auf. Im angrenzenden Dellchen überwiegt dagegen der Porphyr mit einem hohen Eisenanteil. Die daraus entstehenden Weine sind in ihrer Jugend stets verschlossen und fest. Die Frucht kann sich erst nach einiger Flaschenreife gegen die intensive Mineralik durchsetzen. Der kürzlich verstorbene Oskar Mathern erzeugte regelmäßig Spitzenweine aus diesen beiden Lagen.
Niederhausen verfügt wohl über die größte Anzahl erstklassiger Weinberge an der Nahe. Fast rotbeerige und blumige Aromen weisen die Weine aus dem Felsensteyer auf, einer Lage mit vulkanischem Porphyrboden, die sich noch vor Niederhausen in einer Biegung über den Fluss erhebt. Die geradlinigste Struktur besitzen die eleganten Weine vom Devonschieferboden des Rosenhecks, während die benachbarten Klamm und Kerz mit ihren Böden aus Porphyr und rotem Schiefer feste, intensiv mineralische Weine hervorbringen.
Die beeindruckendsten Weine stammen aus den Lagen Niederhäuser Hermannshöhle und Herrmannsberg, sowie der im Alleinbesitz von Helmut Dönnhoff befindlichen Oberhäuser Brücke. Ihre vielschichtige Bodenstruktur aus Porphyr, Lehm, Schiefer und Sandstein lässt hier die komplexesten und betörendsten Weine entstehen, wobei jene aus der Hermannshöhle den Anderen an Intensität und Feinheit noch überlegen sind. Mathern, Crusius und vor allem Dönnhoff erzeugten in den letzten Jahren die besten Weine aus Niederhäuser (bzw. Oberhäuser) Lagen, doch inzwischen scheint auch die ehemalige Staatsdomäne Niederhausen-Schlossböckelheim ihre Schwächephase überwunden zu haben und meldet sich zurück unter den Vorzeigebetrieben der Region.
Dies kommt auch den Weinen aus den besten Schlossböckelheimer Lagen zu gute, die den erstklassigen Niederhäuser Weinbergen in nichts nachstehen. Die Kupfergrube weist dabei eine ähnlich komplexe Bodenstruktur auf, wie die Hermannshöhle, erbringt aber festere und gleichzeitig schlankere Weine von großer Rasse. Der schmale, sehr steile Hang des Felsenbergs steht in dem Ruf, noch feinere Weine hervorbringen zu können als die Kupfergrube. Der Boden besteht hier aus steinigem Lehm mit einem Untergrund aus Porphyrgestein. Die Lage wurde allerdings vor nicht allzu langer Zeit neu bestockt, so dass hier in der letzten Zeit noch nicht jedes Jahr die optimale Qualität erzielt werden konnte.

Die obere Nahe

Obwohl sich seit einigen Jahren mehrere Betriebe an der oberen Nahe um Qualität bemühen – zu den Wichtigsten zählen Bamberger und Hexamer in Meddersheim – hat es bislang nur einer wirklich geschafft, sich unter die führenden Erzeuger des Gebietes einzureihen. Das Gut Emrich-Schönleber produziert von den beiden Spitzenlagen Monzingens, Frühlingsplätzchen und Halenberg, straffe, fest strukturierte Rieslinge mit ausgezeichnetem Alterungspotential. Die Weine aus dem Halenberg mit seinem Boden aus blauem Schiefer, sind dabei stets noch etwas aromatischer und in ihrer Jugend zugänglicher, während sich jene aus dem Frühlingsplätzchen zurückhaltender und „ernster“ geben.

Das Alsenztal

Der in weinbaulicher Hinsicht für das Gebiet bedeutendste Nebenfluss ist die Alsenz, die bei Bad Münster in die Nahe mündet. Einige engagierte Erzeuger machen seit Mitte der 90er Jahre mit steigenden Qualitäten auf sich aufmerksam. Vorreiter dieser Entwicklung sind Peter und Martina Linxweiler (Weingut Hahnmühle) aus Mannweiler-Cölln, rund 20 Kilometer südlich von Bad Kreuznach. Vorwiegend verwitterter Sandstein, aber auch Schiefer prägen hier die besten Lagen, aus denen klare Rieslinge mit hintergründiger Mineralik und feinsaftige Weissburgunder entstehen“

Mehr zur Nahe im Wein-Plus Weinführer Deutschland.

Aus „Wein-Plus Weinführer Deutschland 2002″ (aktualisierte Version) mit freundlicher Genehmigung vom Verlag

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